NSU-Skandal für Einsteiger: Das mysteriöse Zeugensterben

In Teil 2 unserer NSU-Serie geht es um die Chronologie der teilweise noch immer ungeklärten Todesfälle im Umfeld der Neonazi-Morde – Stichwort NSU-Zeugensterben. Insbesondere handelt es sich bei diesen Toten bekanntlich um Zeugen aus der Fascho-Szene oder um (höhere) Beamte, die in die Ermittlungen seit dem Untertauchen des Kerntrios im Jahr 1998 involviert waren. Wir gehen die Fälle mal nacheinander mit den wichtigsten Fakten durch:

Erster mysteriöser Todesfall: Erwin Friese, Leiter Abhörtechnik des Landeskriminalamts Thüringen, im August 2000 erschossen aufgefunden in der Toilette des LKA in Erfurt. Die Tat gilt offiziell als Selbstmord. Friese war in seiner Position auch für das Abhören von Telefongesprächen von Rechtsextremisten mitverantwortlich. Dies dürfte mit einiger Sicherheit auch die Telefonüberwachung der untergetauchten NSU-Mitglieder bzw. von Personen aus deren näherem Umfeld mit eingeschlossen haben (Quelle: Kai Voss, Das NSU-Phantom).

Nur vier Tage später beklagt man bei der Polizei Thüringen schon den nächsten Todesfall: Achim Koch, Leiter der Ermittlungsgruppe ZEX (Zentraleinheit zur Bekämpfung des politischen Extremismus), wird im Keller seines Hauses aufgefunden, aufgehängt an einer Hundeleine. Ebenfalls offiziell ein Selbstmord. Ein von Koch verfasster „Abschiedsbrief“, den auch die Mitglieder des Untersuchungsausschuss des Bundestags nicht lesen durften, bleibt bis heute unter Verschluss.

Zum Hintergrund: Das ZEX wurde von der Thüringer Behördenleitung im September 1998 neu eingerichtet, also im selben Jahr, in dem Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in den Untergrund abgetaucht waren; dessen Gründung war eine der damals beschlossenen Maßnahmen zur Umstrukturierung innerhalb des LKA. Die Zielsetzung des ZEX wird im sogenannten „Schäfer-Bericht“ (zitiert im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses, PDF) von 2012 definiert als: „Informationsbeschaffung aus den Bereichen der Polizeidirektionen und Ordnungsbehörden innerhalb Thüringens sowie das Erfassen und die abschließende Bewertung der Informationen zusammen mit den vom TLfV gewonnenen Erkenntnissen.“

Wie wir ja heute wissen, hat ja diese Zusammenarbeit zwischen TLKA und Landesamt für Verfassungsschutz ab 1998 alles andere als reibungslos funktioniert; vielmehr ging man beim TLfV davon aus, das es bei der Polizei undichte Stellen gibt und „Informationen von dort an die Betroffenen abfließen könnten“, so Ex-TLfV-Chef Helmut Roewer (MDR, 2011). Die Behörden arbeiteten mehr oder weniger gegeneinander. Wie extrem das Misstrauen war, zeigen Aussagen des Ex-Verfassungsschutzchefs Helmut Roewer; die Süddeutsche Zeitung gab die Äußerungen in einen Online-Artikel wenige Tage nach dem Tod von Uwe Böhnardt und Uwe Mundlos folgendermaßen wieder:

Es habe zuvor ein oder mehrere Lecks in der thüringischen Polizei gegeben. Es sei auffällig gewesen, dass Aktionen häufiger ins Leere gelaufen seien, weil Rechtsextremisten offenbar einen Tipp bekommen hatten. Man habe sogar einen höherrangigen Polizeibeamten als Maulwurf vermutet.

So viel zu den politischen Hintergründen bzw. der Situation im Thüringer LKA/LfV zu Zeit der beiden vermuteten Selbstmorde – und zu Spekulationen über mögliche Motive.

Weitere Details in diesem Artikel.

Die „erschreckende Häufung von Polizisten-Selbstmorden“ im ostdeutschen Bundesland fiel übrigens auch bereits 2001 dem Magazin FOCUS auf – rund 10 Jahre vor vor Bekanntwerden des Tatkomplexes NSU.

Bemerkenswert sind die beiden ersten Todesfälle aber nicht bloß, weil sie Beamte betreffen, die während der Entstehungsphase des NSU mehr oder weniger „nah“ an der Neonazi-Gruppierung dran waren, sondern vor allem deswegen, weil die Mordserie nur wenige Wochen nach diesen Ereignissen am 9. September 2000 mit dem Mord an Enver Şimşek in Nürnberg begann.

Der nächste Tote in der Serie: Klaus-Jürgen Reimer, im Alter von 58 Jahren an einer Herzattacke verstorben in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai 2002. Es ist der dritte Todesfall dieser Jahre im Thüringer Behördensumpf. Reimer fungierte von April 2000 bis Ende 2001 als Chef der Polizeiabteilung im Landesinnenministerium und forderte in seiner Amtszeit unter anderem „selbständige, alleinige Info-Beschaffung“ (Quelle: COMPACT 01/2014) in der Neonazi-Szene mittels eigener V-Leute – statt der bisherigen Abhängigkeit vom Thüringer Verfassungsschutz. Reimer verstarb einige Tage nachdem sein Fachberater Frank L. wegen angeblicher Verstrickungen in Rotlicht- und Immobilienaffären mit Verbindungen nach Litauen in die Schlagzeilen geraten war. Interessantes Detail am Rande: Im verbrannten NSU-Wohnmobil stellten die Ermittler 2011 eine DNA-Spur sicher, die auf einen Verdächtigen aus Litauen verweist.

Kurz vor 2:00 geht in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2009 nahe Heilbronn ein Notruf ein: Gemeldet wird ein in Flammen stehender Pkw auf einem Waldparkplatz an der K2007 zwischen Eberstadt und Cleversulzbach. Die kurz darauf eintreffenden Rettungskräfte finden hinter einem Toyota Lexus 300 GS den großflächig verbrannten Körper des 18-jährigen Deutsch-Kasachen Arthur Christ. Das Opfer zeigt zunächst noch schwache Lebenszeichen, erliegt aber kurz darauf noch am Fundort seinen Verletzungen. Einerseits liegen zunächst keine unmittelbarem Hinweise auf Fremdverschulden vor (Frakturen, Fesselspuren o.ä.), anderseits weist der Körper „punktförmige Einblutungen“ in den Augenlidern auf – den Forensikern zufolge eher ein Indiz für Ersticken als für Tod durch Verbrennung. Zweitens wird der verwendete Brandbeschleuniger, ein Diesel-Benzin-Gemisch nicht nur im Innenraum des Lexus und auf dem Körper, sondern auch außerhalb des geparkten Pkw im Waldboden festgestellt. In Anbetracht der laut Polizei „sehr ungewöhnlichen Gesamtumstände“ (Bericht BaWü-Untersuchungsausschuss, PDF), rufen die Beamten die Ermittlungsgruppe „EG Eiche“ ins Leben.

Zwar besteht nach aktueller Faktenlage kein direkter persönlicher Bezug zum NSU, allerdings wird Arthur Christ von zwei Zeugen mit den Geschehnissen am 25. April 2007, dem Mord an Michèle Kiesewetter auf der Theresienwiese in Heilbronn, in Verbindung gebracht. Erstens: Die Zeugin Loretta E. will rund 1,5 Stunden vor der Schießerei nahe des späteren Tatorts am roten Trafohäuschen einen jungen Mann gesehen haben, der sich weggedreht habe, als sie sich ihm näherte. Ergebnis dieser Beobachtung ist das Phantombild 23/07. Die Beamten der „Soko Parkplatz“ (die den Kiesewetter-Mord untersuchte) bzw. der „EG Eiche“ kamen im Laufe der Ermittlungen zu der Idee, Christ habe eine „verblüffende Ähnlichkeit“ mit der Person auf dem Phantombild. Die Zeugin konnte allerdings auf später vorgelegten Fotos Christ nicht zweifelsfrei erkennen. Des Weiteren bestanden insgesamt elf sogenannte „Kreuztreffer“, die laut Ermittlern Verbindungen zwischen dem Fall Christ und dem Fall Theresienwiese vermuten ließen – überwiegend offenbar persönliche Kontakte aus dem deutschrussischen/-kasachischen Milieu.

Darüber hinaus sind aus jenen Tagen Äußerungen einer wegen Mordes im Knast sitzenden, russischstämmigen V-Person überliefert, der zufolge Kiesewetter erschossen worden sei, weil diese mit ihrem Kollegen Martin A. zufällig in einen Drogendeal (Empfang einer Heroinlieferung aus Kirgisien) hineingeraten war. Christ, der ebenfalls zufällig vor Ort gewesen und „beim Wegrennen beobachtet worden“ sei, habe man später ermordet, damit er keine belastende Aussage als Zeuge machen könne. In den Akten ist diese Story als „Spur 3740“ bekannt. Bleibt zu erwähnen, dass die Glaubwürdigkeit der VP – ein verurteilter Prostituiertenmörder – bezweifelt wird. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass nirgendwo in den Aussagen des Häftlings von rechtsextremer Täterschaft für die Fälle Kiesewetter und Christ die Rede ist.

Bizarre Szenen spielten sich am Mittwoch, dem 3. August 2011 nachmittags nahe einer Waldhütte nördlich von Neuburg an der Donau ab. Zunächst rufen Nachbarn aus bisher nicht genau geklärten Gründen die Polizei – kurz nach deren Eintreffen schießt sich unmittelbar vor den Augen der Beamten der Neonazi Anton P. mit einer illegal erworbenen Pistole in den Unterleib. Rund 50 Meter von der Hütte entfernt wird wenig später die Leiche seines Sohnes Florian P. (23) gefunden, erschossen durch den Mund mit derselben Waffe. Einige Medien berichten auch von „mehreren Einschüssen“. In der Hütte finden die Polizisten kurz darauf einen in Wir-Perspektive verfassten Abschiedsbrief der beiden Männer – dessen Auswertung ergibt aber laut Behörden, dass die Selbstmordmotive bloß „privater“ Natur seien. Eine direkte Beziehung von P. zum NSU oder dessen Umfeld ist aktuell nicht zweifelsfrei belegbar.

Pfahler, unter anderem ehemaliges Mitglieder der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG), galt in der Fascho-Szene der Achtziger und Neunziger Jahre als Schwergewicht und war als Experte für die Waffen- und Fahrzeugbeschaffung geschätzt. Im NSU-Schlüsseljahr 1998 beschlagnahmte die Polizei in Pfahlers Wohnhaus ein umfangreiches Waffendepot, bestehend aus Maschinenpistolen, Schrotflinten und Handgranaten – wofür das Gericht den Neuburger 1999 wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz zu einer mehr als 3-jährigen Haftstrafe verurteilte. Interessant ist der Fall Pfahler vor allem wegen dessen Szene-Verbindungen zu Holger G. und Alexander L. – die beiden hatten (offenbar wie der NSU) konkrete Mordpläne gegen Polizisten ersonnen. Bereits um das Jahr 2000 herum sollen Pfahler (zu dieser Zeit noch Knastinsasse) und Alexander L. gemeinsam den Entschluss zur Ermordung eines verdeckten Ermittlers gefasst haben; der hier ins Visier der Rechten geratene Schnüffler war auch derjenige, der 1998 herausgefunden hatte, dass Pfahler & Co. bereits Waffen erworben und im Untergrund an Mitstreiter veräußert hatten. Die interessante Frage ist natürlich, wer die Waffen damals erhalten hatte.

Ein direkter NSU-Bezug ist im Todesfall Jörg Lange nicht erkennbar. Der Aktivist wurde am 22. März 2012 regungslos in einem Hotelbett in der Pension „Weißes Haus“ im brandenburgischen Herzberg aufgefunden. Neben der Leiche: ein Rucksack, darin unter anderem eine Pistole im Kaliber 7,65mm sowie rund 300 Schuss Munition unterschiedlichen Fabrikats. Immerhin darf die offiziell festgestellte Todesursache Herzinfarkt bei einem Mittvierziger wohl als eher ungewöhnlich gelten.

Einen zum Fall Arthur Christ auffällig ähnlichen Tod starb in der Nacht vom 15. auf den 16. September 2013 Florian Heilig aus Eppingen nahe Heilbronn. Rettungskräfte fanden den damals 21-jährigen Azubi morgens am Rande des Festgeländes Cannstatter Wasen großflächig verbrannt im Inneren seines Peugeot auf. Nach Erkenntnissen der Ermittler seien mehrere Liter Superbenzin im vorderen Bereich des Wagens von Heilig selbst ausgegossen und entzündet worden; an der Leiche konnten noch Proben gesichert werden, die auf die Einnahme von Beruhigungsmitteln und Betablockern kurz vor Beginn der Verbrennung schließen ließen. Die Tat gilt ebenfalls offiziell als Suizid.

Heilig, der zeitweilig selbst mit der Heilbronner (Neonazi-)Szene aus dem Bereich der „Harmonie“ sympathisiert und unter anderem wegen Zeigens des Hitlergrußes ein Ermittlungsverfahren gegen sich ausgelöst hatte, war ab 2011 gegenüber Gleichaltrigen bzw. Beamten unter anderem wegen merkwürdiger Äußerungen zu den Hintergründen der NSU-Morde und anderer NS-Umtriebe aufgefallen – und geriet dadurch bis 2013 immer mehr ins Visier der Fahnder. Das Detail, das die Sache, so verdächtig macht: Am Tag nach der Todesnacht hatte Heilig um 17:00 einen Termin mit Polizeibeamten, da er sich zu seinem angeblichen „Insiderwissen“ über die Szene erneut vernehmen lassen sollte. Brisant sind in diesem Kontext vor allem zwei zurückliegende Behauptungen Heiligs:

1. Während seiner (später abgebrochenen) Ausbildung bei den SLK Kliniken in Heilbronn – und damit vor dem Auffliegen des NSU-Kerntrios – soll Heilig gegenüber Mitschülerinnen behauptet haben, er wisse, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter tatsächlich ermordet habe. Die Täter seien in Wahrheit der rechtsextremen Szene zuzurechnen. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Ermittler noch von einer Täterschaft im Milieu der organisierten Kriminalität aus.

2. Bei einer Vernehmung durch das LKA im Januar 2012 dementierte Heilig dann aber, irgendetwas über den Fall Kiesewetter zu wissen (es sei nur Wichtigtuerei o.ä. gewesen), tischt den Beamten aber bei dieser Gelegenheit die Story („Spur 5086“) von der sogenannten „NSS“, der „Neo-Schutzstaffel“ auf, bei deren Treffen in Öhringen im Keller des „Hauses der Jugend“ er 2010 mit anwesend gewesen sei. Auch das Kürzel NSU sei bei dieser Veranstaltung gezeigt worden. Konkrete Belege für die Existenz der „NSS“ gibt es abgesehen von den Aussagen Heiligs allerdings keine – die Beamten gingen deswegen davon aus, dass der Vernommene eine Lügengeschichte erzählt hat; aus welchen Motiven heraus bleibt aber unklar. Falls Heilig endgültig einen Schlussstrich unter seine Szenevergangenheit setzen wollte – warum dann bei den Beamten künstlich Neugier und ggf. weitere Vernehmungen provozieren?

Merkwürdig sind am Fall Florian Heilig auch einige Ereignisse unmittelbar vor und nach der (Selbst?)-Verbrennung am Cannstatter Wasen. So hatte Heilig laut Bericht des BaWü-Untersuchungsausschusses am 15. September kurz vor der Abfahrt um ca. 17:00 noch einen verstörenden Telefonanruf erhalten – nach Angaben des Vaters sei sein Sohn hierbei „massivst“ bedroht worden. Daraufhin habe Heilig geäußert:

„Ich kann machen, was ich will. Aus der Scheiße komme ich nicht raus.“

Die Todesnachricht erhielten die Eltern am Folgetag kurz nach 13:00 – und zwar laut Hajo Funke (Staatsaffäre NSU, S. 55) überbracht von Jörg B., einem Beamten, der „in Baden-Württemberg mit seinem Bruder den Kontakt zum KKK mitorganisiert“ habe (KKK = Ku Klux Klan). Angebliches Selbstmordmotiv: schlechte Zensuren …

Interessant und aufschlussreich hätten voraussichtlich auch die Zeugenaussagen von Thomas Schmidt aka V-Mann „Corelli“ aka „HJ-Tommy“ werden können – doch den fand man am 7. April 2014 in seiner Paderborner Wohnung tot auf; Befund der Rechtsmedizin zum Zeugensterben lautete: „diabetischer Schock“, also die Folge einer unbehandelten Diabetes. Rund 300.000 Euro soll Schmidt seit seiner Anwerbung durch den Verfassungsschutz 1994 dank seiner Informantendienste erhalten haben – Geld, das er nicht zuletzt in den Aufbau von Neonazi-Strukturen wie den Ku Klux Klan in Baden-Württemberg gesteckt haben soll. Seit 2012 steckte Schmidt in einem Zeugenschutzprogramm des BKA, die Wohnung in Paderborn hatten ihm die Behörden organisiert. Für den 3. April war ein Gespräch mit Sicherheitsbehörden anberaumt. Zu dem Zeitpunkt war der treue Informant aber vermutlich bereits verstorben.

Einige Indizien sprechen dafür, dass Schmidt der Schöpfer des Kürzels NSU war – eine „Marke“, die dann von Böhnhardt, Mundlos usw. für das spätere Bekennervideo übernommen wurde.

Schmidt fungierte unter anderem als Mitfinanzier des Nazi-Fanzines „Der Weiße Wolf“, dort konnte man im Januar 2002 in Nummer 18 folgende Grußbotschaft lesen:

Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen 😉 Der Kampf geht weiter …

Einen Scan gibt es hier bei NSU Watch.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der NSU seit 1999 bei vier Überfällen auf Postbankfilialen insgesamt fast 200.000 Deutsche Mark erbeutet. Ist ein Teil des geraubten Geldes bei Schmidt oder Personen aus seinem Netzwerk gelandet?

Im Oktober 2003 tauchte eine von Schmidt mitproduzierte CD mit digitalem Fotomaterial auf, das die Polizei teilweise auch später im ausgebrannten NSU-Haus in Zwickau wieder auffinden sollte. Aufgedruckt auf dem Werk der Gruß: „Heil Hitler! Nationalsozialistischer Untergrund der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“; auf dem Cover aufgedruckt außerdem die Bezeichnung „NSU / NSDAP“.

Zeugensterben: NSU/NSDAP CD

Auch zu den Hintergründen dieser obskuren CD-Veröffentlichung sollte Corelli am 3. April 2014 befragt werden.

Der nächste Todesfall: Melisa M., Ex-Freundin von Florian Heilig, verstirbt 20-jährig am 28. März 2015 an den Folgen einer Lungenembolie, offiziell Spätfolge eines Unfalls beim Moto-Cross-Fahren vier Tage vorher. Ihr Ex-Verlobter Sascha W. wird am 8. Februar 2016 erhängt in seiner Wohnung aufgefunden.

Seltsame Beobachtungen hatte Lieselotte W. ja am Tag des Kiesewetter-Mords in der Nähe der Otto-Konz-Brücke in Heilbronn gemacht. Zunächst hatte die ältere Dame offenbar zwei, vielleicht auch drei Schüsse gehört, danach will sie einen Mann mit einem „blutverschmierten Arm“ gesehen haben, der sich erst umgeschaut habe, daraufhin in ein plötzliches haltendes blaues Auto eingestiegen und darin weggefahren sei. Die von W. vor der „Soko Parkplatz“ am 1. Mai 2007 abgegebene Täterbeschreibung passt nicht gerade optimal zur NSU-Zwei-Täter-Hypothese: „gut genährt (…) rundes Gesicht (…) Haare waren glatt (…) Ausländer (…) einen Russen oder Polen, oder Ostblock halt …“ – auch das später angefertigte Phantombild weist in der Tat wenig Ähnlichkeit mit Böhnhard/Mundlos auf. Wen W. am Tag des Mordes gesehen hat, bleibt ungeklärt.

Die Zeugin W. verstarb am 11. Juni 2016.

Der nächste Fall im „NSU-Zeugensterben“: Rechtsmediziner Hans-Dieter Wehner, Krebsopfer, Todestag  29. Juli 2016. Wehners Methodik und Sachverstand kamen in der Untersuchung des Mordes auf der Theresienwiese zum Einsatz; nach Durchführung seiner Analysen schloss er, die verwendeten Waffen seien sehr wahrscheinlich beide von Rechtshändern abgefeuert worden – doch Böhnhardt war bekanntlich Linkshänder. Der zum Todeszeitpunkt 73-jährige hatte auch kritisiert, dass der Polizeiwagen, in dem sich die Opfer Kiesewetter und Martin A. befanden hatten, für seine weiteren Untersuchungen später nicht mehr zur Verfügung gestanden habe (Quelle: COMPACT 07/2017).

Der nächste Fall in Sachen Zeugensterben ist wieder dem Neonazi-Milieu zuzurechnen: Corinna B., verstorben im Februar 2017 „nach offenbar schwerer Krankheit in einem Pflegeheim“, wie die taz schreibt. Das Szenemitglied aus Ludwigsburg soll zeitweilig direkte persönliche Beziehungen zum NSU unterhalten haben; die Thüringer Terrorgruppe hatte ja belegbar in den Neunzigern des öfteren Mitglieder der Fascho-Szene in der Region besucht. Inwieweit diese auch ab 2000 eine konkrete Unterstützung für die NSU-Aktivitäten in der Region geleistet haben könnten, wäre interessant zu wissen gewesen. Der Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg hatte auch bereits geplant, B. vorzuladen; eine förmliche Vorladung existierte aber offenbar zum Todeszeitpunkt noch nicht.

Sehr überraschend fällt im Juni 2018 der Brandursachenforscher Frank Dieter Stolt ins Koma und verstirbt 62-jährig am 15. Juni im Mannheimer Krankenhaus. Die Todesursache gilt noch als ungeklärt, weswegen die Familienangehörigen auf eigene Rechnung eine Obduktion veranlasst haben. Stolt stützte als Sachverständiger die Suizid-Theorie im Fall Florian Heilig, trat aber im Zusammenhang mit dem Brand des NSU-Wohnmobils und der ausgebrannten Ruine in Zwickau als scharfer Kritiker der Ermittler vor Ort in Erscheinung. Stolt, selbst ausgebildeter Feuerwehrmann, monierte vor allem die Beschlagnahme und Löschung (statt Asservierung) der ersten Tatortfotos vom Inneren des Wohnmobils sowie den – ggf. Beweise vernichtenden – Einsatz von Baggern bei der Untersuchung des Brandschutts in Zwickau.

Der Öffentlichkeit dürfte Stolt vor allem durch seinen Auftritt in der ARD-Doku „Die Akte Zschäpe“ in Erinnerung sein – im Film wiederholte er seine Kritik an der Polizeiarbeit klar und deutlich:

-MR

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