Der Fall Svante Odén – Unfall, Selbstmord oder Opfer im Kalten Krieg?

Heute kommen wir mal zu einen ganz kalten cold case aus Schweden. Es geht um Svante Odén, Meteorologe und Umweltforscher, verschollen unter mysteriösen Umständen in der Ostsee im Sommer 1986. Informationen über den Fall Odén sind äußerst spärlich; einen kurzen Wikipedia-Eintrag über den Skandinavier gibt es nur in seiner Landessprache; einige weitere biographische Daten – nicht zuletzt zu seinen Forschungen über den sauren Regen, damals in den Achtzigern ja ein heißes Thema – findet man in einem Profil im digitalen Riksarkivet. Zum Glück hat sich der schwedische Blogger Anders Jallai des vermissten Forschers 2016 in einer – wenn auch fiktionalen – Erzählung und einem Posting angenommen und zumindest ein wenig Licht ins Dunkel um die letzten Tage vor dessen Verschwinden gebracht.

Doch warum 30 Jahre lang kaum Interesse am Fall Svante Odén? Der politische Kontext, in dem die späteren Lebensjahre des Professors an der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften stehen, könnte brisanter kaum sein. Versetzen wir uns zurück in das Jahr 1986: Kalter Krieg, Schweden ist zwar bündnisneutral, befindet sich wegen seiner geographischen Lage zwischen NATO und Warschauer Pakt aber mitten in der Interessensphäre beider Blöcke. Im Februar wird Ministerpräsident und Reformer Olof Palme von Unbekannten erschossen – der stand bekanntlich nicht zuletzt wegen seiner Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion massiv in der Kritik. Und seit Jahren sichtet man immer wieder unbekannte U-Boote vor der schwedischen Küste. Erst im Juni 1986 wurde vor Gotland ein Periskop in nur 16 Meter tiefem Wasser entdeckt; am Meeresboden fanden die Ermittler später eine mehr als einen Kilometer lange Schleif- bzw. Radspur. Wieder ein sowjetisches U-Boot, das zu Spionagezwecken in schwedischen Hoheitsgewässern unterwegs war und fast havariert wäre? Oder Sondereinheiten der NATO, die eine militärische Bedrohung durch die Sowjets vorgaukeln und Schweden zum Eintritt ins atlantische Bündnis motivieren sollten? Trotz mehrerer Untersuchungskommissionen ist am kalten U-Boot-Krieg in der Ostsee noch immer das meiste ungeklärt.

Und hier kommt auch Svante Odén ins Spiel. Sicher ist: Der Wissenschaftler forschte an Technologien, um minimale, aber verräterische Wasserbewegungen, wie sie von U-Booten verursacht werden, mittels Unterwassersonden zu messen und auf einem Drucker bzw. Plotter zu dokumentieren. Möglicherweise ein technischer Durchbruch für die U-Boot-Jäger der schwedischen Marine? Prototypen dieser neuen Geräte waren wohl einsatzbereit – und als Odén Ende Juli 1986 mit seinem Boot im Gebiet rund um die Ostseeinsel Nörrsten (zum Fischen? – zum Testen?) unterwegs war, mit hoher Wahrscheinlichkeit mit an Bord. Danach aber verschwand er spurlos.

Der Rest sind Puzzleteile, die mehr oder weniger gut zusammenpassen. Die derzeit wohl interessantesten Quellen zu Odén sind einige erhaltene Gesprächsprotokolle der Polizei, die Anders Jallai aufgetrieben und auf seinem Blog hochgeladen hat. Es sind vor allem Äußerungen von Kollegen der Universität in Uppsala und von Familienangehörigen, die in den Wochen nach dem Verschwinden des Forschers zum Fall befragt worden sind.

Gehen wir die wichtigsten Personen und Punkte aus den Protokollen mal durch:

(Übersetzt mit Google Translate und teils etwas nachbearbeitet)

Angelica VON HOFFSTEN, außerordentliche Professorin an der Universität Uppsala und Schwester von Svante Odén

von Hoffsten weiß, dass Svante Odén normalerweise alle Dokumente in einer schwarzen Aktentasche aufbewahrt. Er trägt immer seine Aktentasche bei sich. Dort sammelt er auch Messergebnisse, die aus den Untersuchungen vor Understen (Leuchtturm südlich der Insel Nörrsten, Anm. MR) hervorgegangen sind.

Und diese Aktentasche sollte später nicht mehr aufgefunden werden. Verbleib unbekannt.

Spannend sind vor allem auch die Angaben zu Tommy Rastén, ebenfalls an der Universität Uppsala beschäftigt und Mitkonstrukteur von Odéns experimentellen U-Boot-Detektoren:

Rastén hat von Hoffsten weiter mitgeteilt, dass er nicht die ganze Wahrheit gesagt hat, als er von der Polizei befragt wurde. Er wagte es nicht, die Wahrheit zu sagen. Rastén hat auch von Hoffsten erzählt, dass ihr Bruder Kontakt zur NASA hatte.

Wirklich NASA? Oder wohl eher NATO?

Interesse an den Forschungen von Svante Odén bestand angeblich offenbar auch im Ostblock:

Auf eine spezielle Frage stellt von Hoffsten fest, dass Svante Odén irgendwann nach Russland eingeladen wurde, lehnte dies jedoch ab. Er wagte es nicht, dorthin zu gehen.

Möglicherweise für die Frage, was in den letzten Stunden auf dem Boot passiert ist, relevant:

Auf eine spezielle Frage stellt von Hoffsten fest, dass ihr Bruder mit den Dingen im Boot sehr vorsichtig war. Alles war in Kisten verpackt und er hatte aufgeschrieben, was in den Kisten war.

Gösta BJÖRKLUND, Ingenieur und Inhaber der Firma ABR Ekberg aus Stockholm; Berater für die Marine

Während der Messungen hatte Odén verschiedene Messgeräte, die er hauptsächlich von ABR Ekberg und der Marine erhielt, und möglicherweise ein Instrument von der Universität Uppsala. (…) Die Dokumente, Messergebnisse und Messinstrumente sind geheimer Natur und für die Firma ABR Ekberg und die Marine von großem Interesse.

Hier also eine klare Aussage, dass Odén direkt mit dem schwedischen Militär kooperiert hat.

Björklund hatte zuletzt am Sonntag, den 27. Juli 1986, telefonischen Kontakt mit Odén. Odén schien dann unter Alkoholeinfluss zu stehen. Odén wollte dann, dass Björklund eine neue Grundlage/Unterlagen für seine Messungen bei Understen bereitstellt. Odén und Björklund würden sich am Montag, dem 4. August, um 13.00 beim FMV in Stockholm treffen, und Odén würde dann seine Grundlage/Unterlagen erhalten.

Im Original steht hier „nytt underlag“ – wörtlich übersetzt: neue Grundlage, Basis oder auch Unterlagen. Ist hier eine neue Halterung, Plattform o.ä. gemeint, die für die Messgeräte usw. auf dem Boot installiert werden sollte? Oder aber neue Seekarten, Dokumente, Daten? Leider bleibt dieses für die weiteren Ereignisse ggf. wichtige Detail etwas unklar.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass der Termin für die Übergabe durch Björklund an Odén direkt beim FMV, dem Försvarets materielverk in Stockholm stattfinden sollte, dem zivilen Materialbeschaffungsamt für das Militär, unterstellt dem Ministerium für Verteidigung. Kurz vor dem vereinbarten Treffen musste Svante Odén aber bekanntlich als verschollen gemeldet werden.

Spannend sind Björklunds Schilderungen der Ereignisse unmittelbar vor dem Verschwinden des Forschers:

Laut dem, was Björklund von Odén erfahren hat, war Odén mit Benny Andersson in Grisslehamns Marina zusammen und am Dienstag, dem 29. Juli 1986 waren sie mit einem Boot unterwegs. Meinungsverschiedenheiten zwischen Benny Andersson und den Frauen scheinen entstanden zu sein. Später am 29. Juli, wahrscheinlich am Nachmittag, ging Odén mit seinem Boot aus und hatte dann wahrscheinlich eine unbekannte Frau bei sich.

Sehr komisch. Wer ist Benny Andersson? Und wer die Frauen auf dem Boot bzw. die unbekannte Frau, mit der Odén fast unmittelbar vor seinem Verschwinden auf Bootstour gegangen ist?

Pia X (Nachname unbekannt), Mieterin einer Wohnung, die Svante Odén gehörte

Wahrscheinlich am Wochenende vom 25. bis 27. Juli 1986 sprach Odén davon, durch Abhören von Telefonen und von Booten auf dem See überwacht zu werden. Odén hatte die Erlaubnis, in einem Militärgebiet zu bleiben – Inseln im Stockholmer Archipel. Pia hatte den Eindruck, dass Odén von der Polizei oder anderen schwedischen Behörden überwacht wurde und dass diese Überwachung Odén schützen sollte. Odén sagte weiter, dass er zweimal mit Mord bedroht worden war. Vor langer Zeit hatten sie einmal versucht, Odéns Dienste von den Vereinigten Staaten zu kaufen.

Interessant, dass Odén die Sache mit den Todesdrohungen seiner Mieterin anvertraut hat. Wem noch?

Robert H. – der „beste Freund“

Keine direkt überlieferten Aussagen von Robert H. Diese Informationen hatte offenbar Angelica von Hoffsten postalisch bei den Ermittlern eingereicht:

Svante Odén sagte Robert H. am Dienstag, 29. Juli um 9.00 Uhr, dass er Angst hatte, vom „Osten“ entführt zu werden, während er mit seinem Drucker Meeresmessungen wegen U-Booten durchführt. „Wenn ich nicht zurückkomme, dann versprich, meine Mutter, Frau O. zu benachrichtigen“. Kabel wurden im Bootshaus von Robert H. gelagert (jetzt verschwunden), der Drucker war an einem Holztisch (vorne am Boot, Tisch ist sichtbar auf Fotos, Anm. MR) befestigt, als er am Dienstagmorgen mit Benni A. losfuhr. Es wären noch zwei Frauen mit Frau P. dabei gewesen.

Okay – dieser Benni ist sicherlich Benny Andersson. Die Angaben decken sich weitgehend mit den Äußerungen von Björklund weiter oben. Die Identität der drei Frauen an Bord bleibt auch hier unklar. Wichtig ist vor allem auch die Aussage, dass der Drucker/Plotter beim Ablegen montiert war.

Mariana BRUS, Leuchtturmwärterin (Leuchtturm Understen)

Die letzte Person, die Svante Odén vor seinem Verschwinden noch gesehen haben könnte. Das Leuchtturm-Team kennt den Forscher mit dem 11-Meter-Boot, der gelegentlich zu Besuchen auf Understen vorbeikommt. Brus berichtet den Ermittlern:

Gegen Mitternacht zwischen dem 29. und 30. Juli wurde Odéns Boot bei Norrskrubban auf Understen beobachtet. Norrskrubban ist eine Bucht an der Nordseite von Understen und wurde bei geeignetem Wetter als Liegeplatz genutzt. Odén versuchte ungefähr 20 Minuten lang, in der besagten Bucht festzumachen, aber es gelang ihm anscheinend nicht.

Das Boot wurde also nachts und auf eine Entfernung von ca. 4,5 Kilometern gesichtet. Zur Veranschaulichung ein kleiner Kartenausschnitt aus Google Maps: Gelb markiert die Insel Nörrsten, orange die Insel Understen, Standort der Leuchttürme:

Ist Odén beim Versuch, zu ankern oder sein Boot am Ufer festzumachen, von Bord gefallen? Das ist eine der Unfall-Theorien.

Soweit die Zeugenaussagen.

Das herrenlose, einige Seemeilen nordöstlich vom Archipel treibende Boot wurde zuerst entdeckt von der Besatzung der Esso-Finlandia früh um 00:30 am 1. August. Um 05:30 traf dann der Rettungskreuzer Wallenberg am Fundort ein. Haupt- und Ersatztank waren fast voll; ebenfalls stellte man fest, dass ein Fischernetz sich um den Propeller gewickelt hatte. Ein weiteres Indiz für die Unfall-Theorie?

Keine Spur jedenfalls von Odén. Ebenfalls als Verlust gemeldet laut Polizeibericht:

1 Drucker Fabr Hitachi 561 Recorder Typ 242561/3006, Seriennummer 111439.

1 schwarze Aktentasche mit verschiedenen Dokumenten.

Laut einem Bericht in der Svenska Dagbladet (Scan bei Anders Jallai) fehlte außerdem die eigentliche Messausrüstung (Sonde usw.), drei Autobatterien und Kabel. Eine „Tasche mit einem Kassettenrekorder und Schreibpapier“ sei aber später an die Universität zurückgegeben worden, so das Blatt.

In einem Bericht von Associated Press (Link) vom Dezember 1986 wird die Polizei so zitiert, dass es keine Hinweise gibt, Odén hätte seine Messausrüstung überhaupt mit an Bord gehabt. Um solche Fragen drehen sich einige der zentralen Widersprüche in diesem Fall. Der schwedische Nachrichtendienst SÄPO ist in die Ermittlungen involviert; Freunde und Verwandte des Wissenschaftlers werden ermahnt, Stillschweigen zu wahren.

Ist Odén (vielleicht besoffen) weggetrieben, als er den Propeller vom Netz befreien wollte? Hat er Selbstmord begangen und seine Erfindung absichtlich mit in den Tiefen der Ostsee verschwinden lassen? Oder ist seine Furcht Realität geworden, entführt oder ermordet zu werden?

Die Sichtungen unbekannter Unterwasserfahrzeuge vor der schwedischen Küste sollten jedenfalls weitergehen: Schon einen Sommer später begann die spektakuläre, vierwöchige U-Boot-Jagd von Törefjärden. Ob Odéns Sensor-Technologie bei der Suche zum Einsatz kam, ist unbekannt.

-MR

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