Mehr als zehn Jahre liegt der Mord an Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel-Nordstadt mittlerweile zurück – und noch immer ungeklärt sind vor allem zwei Fragen: (1.) Warum war Andreas Temme, Mitarbeiter des hessischen Landesverfassungsschutzes und zum damaligen Zeitpunkt Führer mehrerer V-Leute in der Nazi- und Islamismus-Szene, überhaupt während der Tat in einem Hinterzimmer anwesend – und (2.) was hat Temme von der Gewalttat selber wahrgenommen? Was hat er gesehen, was hat er gehört, als der 21-jährige Yozgat nur wenige Meter entfernt mit zwei Kugeln in den Kopf erschossen wurde? Laut eigener Aussage des Beamten, die mittlerweile auch mehr oder weniger die offizielle Version der Story ist, gilt: nichts gesehen, nichts gehört, nichts bemerkt – weder während der Tat noch beim Verlassen der beengten Räumlichkeiten in der Holländischen Straße 82 wenige Minuten später.

Einige neue Erkenntnisse zum NSU-Fall Kassel liefert ja möglicherweise die Studie der Londoner Forschungsagentur Forensic Architecture; deren Team untersuchte in den vergangenen Jahren (unter anderem im Auftrag von Amnesty International oder anderer NGO) mittels dreidimensionaler digitaler Raummodelle zum Beispiel die Folgen von Drohneneinsätzen in Ländern wie Pakistan, dem Jemen oder Gaza-Streifen, um Fragen hinsichtlich ziviler Opfer und eventueller Menschenrechtsverletzungen durch westliche Streitkräfte zu klären.

Zwecks Aufklärung des NSU-Mords in Kassel baute FA im Berliner HKW gleich das gesamte Internetcafé in Originalgröße nach. Zwar liegen die Erkenntnisse noch nicht in Gänze vor, aber einige Daten aus der aktuellen Untersuchung haben die Briten bereits vorab öffentlich online zugänglich gemacht. Eine Zusammenfassung gibt es hier als Download (PDF, 164 KB).

Zunächst zur Frage: Hat Temme den toten Yozgat gesehen als er die 50 Cent für das Internet-Surfen auf den Tisch gelegt hat?  Vermutlich ja, so das vorläufige Fazit von Forensic Architecture. Bei einer Körpergröße des LfV-Mitarbeiters von ca. 1,90 Meter (andere Quellen: 1,86 Meter) und einer Tischhöhe von 73 Zentimetern wäre die Perspektive auf das Mordopfer Yozgat laut FA jedenfalls frei gewesen (unten ein Screenhot aus dem Video von FA, der dies klar belegt). Es gibt weiterhin drei unterschiedlich wahrscheinliche Szenarien: (1.) Temme hat den am Boden hinter dem Tisch liegenden Toten entgegen seiner Aussagen vor Gericht kurz vor dem Verlassen des Cafés sehr wohl gesehen, hatte aber Gründe, seine Zeugenschaft nicht zuzugeben oder (2.) Temme hat die vor seinen Augen befindliche Leiche, die er eigentlich doch hätten sehen müssen, irgendwie nicht bewusst wahrgenommen, warum auch immer. Dritte Möglichkeit: Der Mord war zu diesem Zeitpunkt noch nicht begangen, daher keine Leiche. Allerdings ist das Zeitfenster für den Mord zwischen dem Verlassen des Internetcafés durch Temme (ausgeloggt am Rechner um 17:01:40, eingestiegen in sein vor dem Café parkendes Auto laut Rekonstruktion der Polizei ca. 17:02:45) und dem Auffinden des Toten durch den Vater Ismail Yozgat sowie den Kunden Faiz Hamadi S. kurz nach 17:03:26 (vgl. Aust/Laabs, Heimatschutz, S. 654) äußerst schmal.

Fakt ist: War der Mord vor dem Münze-Ablegen bereits begangen, muss Temme die Leiche nach aller Wahrscheinlichkeit gesehen haben. Dies machen die Simulationen von FA jedenfalls jetzt noch plausibler.

Quelle: forensic-architecture.org

Kommen wir zur zweiten Fragestellung: Und was hat Temme gehört, sofern er während der Mordtat vor Ort war? Das Team aus London hat zur Klärung dieser Frage Schussgeräusche einer Pistole im Kaliber .32 ACP bzw. 7,65 mm Browning mit Schalldämpfer aufzeichnen lassen und im 1:1-Modell an der mutmaßlichen Position der Täter mittels Lautsprecher reproduziert.

Wie laut waren die beiden Knallgeräusche wirklich? Bereits das BKA hatte ja in einem Gutachten einen mittleren Schallpegel von 137,5 dB(C) für die schallgedämpfte Waffe berechnet – wohlgemerkt in der Nähe der Mündung. Forensic Architecture kommt zu ähnlichen Resultaten: Der Schalldämpfer reduziert den Schallpegel zwar deutlich, aber nicht unter einen Wert von 130 dB(A). Für die Simulation (im Real-Modell sowie für eine virtuelle Rekonstruktion) reduzierte FA die Intensität auf 105 dB(A). Worauf es nun ankommt ist die Frage, wie laut die Knallgeräusche an der Position von Temme tatsächlich waren, der ja im Hinterzimmer, durch einen kurzen Zwischengang getrennt, an PC-2 surfte.

Hier ein Klang-Sample von FA – so ähnlich müssen sich die gedämpften Schussgeräusche an Position PC-2 im Café angehört haben:

(Quelle: forensic-architecture.org; Klangspur aus Video)

Konkret misst FA bis zu 86 dB(A) in den nachgebauten hinteren Räumlichkeiten des Tatorts. Das ist doppelt so laut wie das mit 40 dB(A) angenommene Hintergrundgeräusch im Café – und damit definitiv laut genug, um an PC-2 wahrgenommen zu werden.

Und nicht zu vergessen: Die übrigen Kunden an diesem Donnerstagnachmittag 2006 hatten den Ermittlern später von lauten Geräuschen berichtet – der hinter der geschlossenen Glastür telefonierende Hamadi S. zum Beispiel von einem plötzlichen Knall wie ein „explodierender Luftballon“ – warum will nur der hessische LfV-Beamte nichts gehört haben?

Wir warten gespannt auf die kompletten Ergebnisse der Untersuchung, die vielleicht auch im laufenden NSU-Prozess in München für hoffentlich unangenehme Fragen sorgen könnten.

-MR

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