Sowas macht doch ein Putin nicht: Kleine alternative Presseschau zum Skripal-Giftanschlag in Salisbury

Es dürfte ja kaum einen der erfahreneren Beobachter überrascht haben, wie leidenschaftlich pseudokritisch die Putin-Fanszene auch hierzulande auf den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergei Skripal im britischen Salisbury reagiert. Hat Putin wirklich einen Überläufer und dessen Tochter heimtückisch vergiften lassen? Nein, das kann nicht sein – das darf nicht sein. Mordanschläge? Sowas macht Russland nicht, sowas machen nur CIA, MI5 oder Mossad. Putin will doch nur den Frieden. Und sicherlich gibt es auch an der offiziellen Story der britischen Regierung einige berechtigte Zweifel; die größte Merkwürdigkeit ist hierbei sicherlich die räumliche Nähe des Giftlabors im Porton Down Science Park zum Tatort. Die spannende Frage aber ist, aber warum auch hierzulande ein beträchtlicher Teil der politischen Prominenz aus Linkspartei bis AfD, aber auch eine Vielzahl der sich als unabhängig verstehenden Alternativ-Medien immer wieder bloß die offiziellen Kreml-Positionen mehr oder weniger unhinterfragt reproduziert. Wie unangenehm nah viele der politischen Kommentatoren in Deutschland an der offiziellen Moskauer Version der Ereignisse dran sind, soll eine kleine Presseschau zeigen.

Die zentralen Argumente, warum auf keinen Fall der russische Staat in irgendeiner Weise am Mordversuch an Sergei und Yulia Skripal beteiligt gewesen sein kann, lassen wir an dieser Stelle mal Vladimir Putin selbst und zweitens Dmitri Peskov auf Russia Today zusammenfassen. Peskov ist seit 2000 ein enger Putin-Vertrauter und fungiert seit 2012 als dessen Pressesprecher. Die Argumente sind an dieser Stelle frei als Zitate formuliert, auch wenn sie in diesem exakten Wortlaut nicht 100% von russischer Seite formuliert worden sind.

Argument 1: „Es ist wissenschaftlich unmöglich, dass Großbritannien bereits so kurz nach dem Giftanschlag die toxische Substanz zweifelsfrei als Novichok identifizieren konnte. Selbst Ahmet Üzümcü, Generaldirektor der Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW), hatte am 20. März erklärt, seine Organisation benötige mindestens zwei bis drei Wochen bis zum endgültigen Befund der chemischen Untersuchung.“

Stimmt, das hat Üzümcü gegenüber der Presse ähnlich gesagt – hier das Video. Die Frage ist bloß, ob dieser relativ lange Zeitraum der Schwierigkeit der wissenschaftlichen Untersuchung schlechthin oder den speziellen Verfahren – um nicht zu sagen: der Bürokratie – des OPCW geschuldet ist. Das OPCW hat satzungsgemäß unter anderem den Zweck, die Chemiewaffenkonvention (CWC) zu überwachen und damit keineswegs primär die Aufgabe, im Falle eines akuten Chemiewaffeneinsatzes möglichst schnell die eingesetzte toxische Substanz zu identifizieren, damit unmittelbare Schutz- und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. Letzteres ist im Ernstfall sicherlich doch zunächst Aufgabe der Exekutive des angegriffenen Staates, das heißt in diesem Fall des britischen Verteidigungsministeriums und der unterstellten Institutionen. Wozu dann eben auch das Defence Science and Technology Laboratory in Porton Down gehört. Und die müssen schnell reagieren können, um Leben zu retten. Den Befund der Briten kann man übrigens unter anderem in einer Veröffentlichung des Royal Court of Justice (PDF, 804KB) nachlesen:

Blood samples from Sergei Skripal and Yulia Skripal were analysed and the
findings indicated exposure to a nerve agent or related compound. The samples
tested positive for the presence of a Novichok class nerve agent or closely
related agent.

Das gegen die Belastbarkeit dieses britischen Schnellbefundes oft eingebrachte, aber eben nur auf den ersten Blick einleuchtende „Zwei-bis-drei-Wochen-Argument“ trug zum Beispiel Matthias Platzeck, derzeit Vorsitzender des Vereins Deutsch-Russisches Forum e.V. Mitte März im TV-Sender phoenix vor (ab ca. 6:20):

Trotzdem gilt natürlich: Wie belastbar die Diagnose aus Porton Down wirklich ist – und was ggf. unter „closely related agent“ zu verstehen ist -, werden erst die Ergebnisse der OPCW-Analysen zeigen.

Argument 2: „Es wäre doch äußerst dumm, ausgerechnet wenige Wochen vor den russischen Präsidentschaftswahlen – und vor der Fußball-Weltmeisterschaft – einen internationalen Skandal zu provozieren. Putin könnte bis zum Wahltag drastisch an Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. Vielleicht wird sogar die WM-Teilnahme von einigen westlichen Teams abgesagt. Das würde Russland mit Sicherheit nicht riskieren.“

Warum? Sofern die Täter spekuliert haben, dass der Giftanschlag diese politischen Nebenkonsequenzen eben nicht hat, sich die negativen Folgen also in Grenzen halten, dann haben sie eben richtig spekuliert. Wer – wie die mutmaßlichen Verantwortlichen – das russische Wahlvolk genau kennt, hat wohl vielleicht sogar bewusst eher in Richtung „Wahlkampfhilfe für Putin“ spekuliert, und das, wie die Fakten zeigen sollten, mit gutem Recht (siehe unten). Sofern es sich aber tatsächlich um eine false flag operation westlicher Geheimdienste zum beabsichtigten Schaden Russlands und Putins gehandelt hat, wurden die realen politischen Folgen der Tat offenbar völlig falsch eingeschätzt. Wie auch immer: Putin ist im März mit einem Rekordergebnis von 76,69% wiedergewählt worden und der regime change ist ausgeblieben; zweitens hat bisher jedenfalls kein einziges Land seine Teilnahme an der WM abgesagt, eingeschlossen England. Die negativen Folgen für Russland beschränken sich bisher auf die (vorübergehende?) Ausweisung einiger „verdächtiger“ Diplomaten und den symbolischen WM-Boykott britischer Minister wie auch der Royal Family.

Putins und Peskovs Frage nach dem „schlechten Timing“ des Anschlags übernimmt aber zum Beispiel Jens Berger in einem Beitrag auf den NachDenkSeiten:

Noch dümmer wäre im konkreten Fall das Timing. Warum sollte Russland kurz vor der Wiederwahl Putins und der Eröffnung der Fußball-WM, die ohnehin zum Gegenstand massiver Anti-Russland-Propaganda werden wird, den Hetzern im Westen ohne Not eine solche Steilvorlage geben?

Vielleicht weil die einkalkulierten westlichen Hetz-Artikel in Wirklichkeit eine Steilvorlage für das Putin-Lager gewesen sind? Laut Sputnik-Bericht vom 11. März sagten die Prognosen zu diesem Zeitpunkt „nur“ 69% für Putin voraus – mit der Verschärfung des Skripal-Skandals ab dem 12. März, als Theresa May zum ersten mal konkret Novichok als Tatmittel benannt hatte, konnte der Kreml-Chef also noch mal rund 7% bis zum Wahltag zulegen.

Das „Putin-wird-wohl-kaum-so-dumm-sein-Argument“ findet sich aber unter anderem auch in einem aktuellem Interview mit dem Journalisten Peter Haisenko auf dem NUOVISO-Channel (ab ca. 3:00):

Weiteres Beispiel: Die Ex-Russland-Korrespondentin Krone-Schmalz im Interview mit dem MDR (ab ca. 1:25):

Argument 3: „Sergei Skripal ist längst aus dem aktiven Dienst raus und heute viel zu unwichtig, um als Ziel eines Geheimdienstattentats in Frage zu kommen. Außerdem lebt der Ex-Spion schon seit 2010 in Großbritannien. Warum dann erst jetzt der Mordanschlag? Das ergibt doch keinen Sinn.“

Pressesprecher Dmitri Peskov formuliert im Interview mit Russia Today sogar leicht zynisch, Skripal sei „of zero value, of zero importance“ für Russland. (Nebenbei bemerkt: Im Einleitungssatz formuliert der Putin-Vertraute: „Russia has nothing to do with this accident“ – warum spricht Peskov eigentlich als erstes von einem Unfall?)

Tja, kann schon sein. Was Skripal den britischen Geheimdiensten an sensiblen Informationen aus seiner Karriere als russischer Spion liefern konnte, das hat er wohl bereits geliefert. Der Schaden für Russland ist also bereits angerichtet.

Dieser Umstand fällt auch Börsen-Guru Dirk Müller auf. Der denkt sogar ein Stück weiter, und stellt die Plausibilität eines Attentats auf Skripal nicht nur deswegen in Frage, weil der Ex-Spion ja bereits längst ausgepackt hat, sondern auch deswegen, weil die Alternativtheorie, Russland habe in Salisbury ein „Exempel statuieren“ wollen, keinen Sinn ergebe. Denn, so Müller, ein „Autounfall“ hätte auch gereicht, damit jeder, für den die Botschaft gedacht ist, diese auch versteht (ab ca. 0:50):

Vielleicht ist das aber immer noch zu kurz gedacht? Und zwar, weil die Botschaft lauten soll: „Wir kriegen Dich, egal wo Du lebst. Wenn wir morden, dann mit voller Entschlossenheit – und mit halboffenem Visier. Und wir kommen damit sogar noch davon, denn wir gewinnen auch den Propagandakrieg.“ Klingt etwas zugespitzt, aber die Dreistigkeit, mit der ein sofort auf Russland weisendes Mordwerkzeug verwendet wird, ist um des stärkeren Schockeffekts willen möglicherweise Methode?

Argument 4: „Novichok ist so ziemlich der stärkste Giftstoff der Welt. Wird die Substanz auf einen Menschen angewendet, treten die Symptome und der Tod nach kürzester Zeit ein. Bei Yulia und Sergei Skripal wurden die Wirkungen aber erst sichtbar, nachdem sie sich im Anschluss an einen Pizzeria-Besuch auf der Parkbank in Salisbury hingesetzt hatten. Stunden nach dem vermuteten Giftkontakt.“

Diese Argumentation finden wir unter anderem in einem Artikel mit dem Titel „Absurde Hetze“ im Online-Magazin Rubikon – Magazin für die kritische Masse wieder. Dort heißt es:

Das zweite Problem hier ist, dass die Nowitchok-Nervengift-Gruppe unmittelbar wirksam ist. Es existiert schlichtweg kein Nervengift mit verzögerter Wirkung. Erinnern wir uns, dass Theresa May uns ausdrücklich mitgeteilt hat, dass dieses Nervengift bis zu zehnmal stärker als VX ist …

Ja, ein echtes Scheißzeug, dieses Novichok. Allerdings muss man bei der Untersuchung der Wirkungen offenbar die sogenannten lokalen Effekte des Gifts von den systemischen unterscheiden. Nur die ersten, örtlichen Effekte treten in der Tat mehr oder weniger unmittelbar nach dem Hautkontakt bzw. dem Inhalieren ein.

Details kann man im Wissenschaftsportal ScienceDirect nachlesen:

Novichok is reported to be 5–8 times more lethal than VX nerve agent and effects are rapid, usually within 30 seconds to 2 minutes. (…) Local effects are thought to be immediate, while systemic effects may be delayed up to 18 hours.

18 Stunden! Insofern spricht der Ablauf der Ereignisse am 4. März, wie er zum Beispiel bei der BBC dargestellt wird, nicht grundsätzlich gegen die Verwendung von Novichok.

Argument 5: „Selbst wenn es sich bei der Substanz nachweislich um das in Russland entwickelte Novichok handeln sollte, bedeutet das noch gar nichts. 20 Länder auf der Welt haben das Know-how, um dieses Nervengift herstellen zu lassen. Eine False-Flag-Operation ist deswegen viel wahrscheinlicher.“

In der Pressekonferenz beim Staatsbesuch in Ankara Anfang April war dieses 20-Länder-Argument übrigens das erste, das Vladimir Putin vor den versammelten Journalisten abgeliefert hat.

Ganz auf dieser Kreml-Linie ist zum Beispiel Christoph Hörstel, der Putins Äußerung in einem seiner regelmäßigen Videos „zur Lage“ ähnlich wiedergibt (ab ca. 1:50):

Spielen wir diese Idee mal im Kopf durch: Ein westlicher Geheimdienst wird von der nationalen Regierung (oder einer NATO-Verschwörung) angewiesen, einen Giftanschlag zu planen und auszuführen, der den Tod eines für den eigenen Staat ungefährlichen Exilanten (und dessen Tochter) zum erklärten Ziel hat. Zunächst einmal muss die Substanz unter geschützten Laborbedingungen geheim in einem der „20 Länder“ hergestellt oder beschafft werden; die beauftragten bzw. mitwissenden Chemiker und Laborarbeiter müssen sich an ein striktes Schweigegebot halten, keiner darf eine ehrliche Antwort auf die Frage erwarten, wofür überhaupt das Gift hergestellt oder abtransportiert wird – und für wen. Irgendwann erfahren die Beteiligten aber aus den Medien vom Gifteinsatz und zählen 1 und 1 zusammen. Oder sie waren in den Plot eingeweiht, hatten aber bisher keine moralischen Skrupel, daran mitzuwirken. In jedem Fall müssen die Organisatoren der Verschwörung um fast jeden Preis verhindern, dass einer der Mitwisser irgendwann auspackt oder anonym zum Whistleblower wird. Wie soll das gehen? Nach der Herstellung geht es darum, das Toxin gegen die Zielperson zum Einsatz zu bringen. Hier kommen viele weitere Personen ins Spiel – für die Observation, die Planung und schließlich das Platzieren des hochgefährlichen Giftstoffs -, die allesamt keine Spuren hinterlassen dürfen und ebenfalls ihr Leben lang stillhalten müssen, um Regierung und involvierte Geheimdienste vor einem Jahrhundertskandal zu bewahren. Drittens stellt sich die Frage, wie die Verschwörer die vermutlich langwierigen Ermittlungen der Polizei und ggf. anderer Dienste überstehen, ohne dass irgendetwas ans Licht kommt oder einer der Mitverschwörer dem Druck nicht mehr standhält. Die Risikobereitschaft der Akteure und Auftraggeber müsste extrem hoch sein. Ist das politische Ziel dieses Risiko wert? Wirklich plausibel klingt diese Theorie irgendwie nicht.

-MR

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