Medienschelte: Geht AfD-Kritik auch intelligent?

Einige Journalisten wären besser beraten wenn sie sich ihren Frust und ihre Irritation über die Wahlerfolge der AfD weniger deutlich anmerken ließen. Wo bleiben Humor und Selbstdistanz?

Ein Beispiel dafür, wie schlechter, wenngleich vielleicht gut gemeinter Journalismus aussieht, lieferte DER SPIEGEL mit seiner berüchtigten Titelstory „Die Hassprediger“ (06/2016). Das sechsköpfige Redakteursteam schaffte es, auf zehn Textseiten gleich elfmal das überhaupt ziemlich gehypte AfD-fordert-Schießbefehl-gegen-Flüchtlinge-Thema mittels variierender Schlagworte bzw. in wandelnden Formulierungen unterzubringen:

„… Schüsse an der Grenze … auf Frauen und Kinder geschossen … Massenerschießungen … nicht geschossen (Seite 13) … Schießbefehle … Schusswaffen (Seite 14) … Schusswaffengebrauch … Waffengewalt (Seite 15) … Schusswaffen (Seite 16) … schießen … Schusswaffengerede (Seite 18) …“

Sind diese manisch wirkenden Wiederholungen nicht irgendwie … naja … zumindest einfallslos? Oder erhofften sich die Redakteure von der für die meisten Rezipienten wohl eher obsessiv anmutenden Immer-wieder-Bezugnahme auf die mißglückten Schießbefehläußerungen aus der AfD-Führung (Initialzündung soweit bekannt durch: Frauke Petry und Beatrix von Storch) möglicherweise irgendeine hypnotisch-suggestive Abschreckungswirkung auf den Leser? Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass die Alternative für Deutschland rund fünf Wochen später spektakulär in drei Landtage einziehen konnte. Warum sind die ganzen Anti-AfD-Artikel der Halb-Journalisten/Halb-Aktivisten-Szene eigentlich so ineffektiv? Und: Wenn man beim SPIEGEL begriffen hat, dass sich die Spielregeln der politisch-publizistischen Auseinandersetzung verändert haben (im genannten Artikel heißt es „dass in diesen lauten und ruppigen Zeiten ganz neue Spielregeln zu gelten scheinen …“; Seite 13 in der oben genannten Ausgabe vom 5. Februar 2016) – warum dann nicht das Nächstliegende tun und den politischen Journalismus an eben diesen Spielregeln neu ausrichten?

Übrigens kann man an dieser Stelle ruhig mal Äpfel mit Birnen vergleichen: Konnte die AfD bei der Bundestagswahl 2013 nur 4,7% der Stimmen auf sich vereinigen, so steht die Partei derzeit je nach Forschungsinstitut bei der Sonntagsfrage zwischen 12% und 15% (aktuelle Zahlen hier); im selben Zeitraum verlor der Print-SPIEGEL rund 11,51% seiner verbreiteten Auflage (Quelle: IVW; Vergleich Q3/2013 mit Q1/2016). So stimmen also die Wähler – und so stimmen die Leser ab.

-MR

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