Bombenterror mit Hobby-Drohnen – wie der IS technologisch aufrüstet

Sehr aufschlussreiches Video, dass der Islamische Staat/ISIS da vor einigen Monaten ins Netz gestellt hat – und möglicherweise ein erster, schockierender Einblick in eine neue, kommende Dimension des Terrorismus, die vielleicht auch bald europäische Städte erreichen könnte. Jedenfalls belegen die letzten Minuten des insgesamt rund 38 Minuten lange Filmchens mit dem Titel „Die Ritter der Bürokratie“ ziemlich deutlich, dass die Terrortruppe spätestens seit diesem Jahr mit einer Flotte aus umgebauten, waffenfähig gemachten Hobby-Drohnen, wie man sie aus dem Elektronikeinzelhandel kennt, mittlerweile eine eigene, improvisierte Luftwaffe für den Endkampf um Syrien und den Irak in die Schlacht werfen kann.

Schauen wir uns mal einige Szenen an, die beweisen, auf welchem technologischen Level der IS zum Beispiel im Häuserkampf derzeit operieren und attackieren kann. Die Propagandabestandteile des Videos sind aus dieser drastisch gekürzten Fassung – wie man unschwer feststellen kann – übrigens herausgeschnitten.

LiveLeak.com – Iraq/Syria: militants using consumer drones for bomb attacks

original footage from 2017


Musik: „Laser Groove“ Kevin MacLeod (incompetech.com) Licensed under Creative Commons: By Attribution 3.0 License http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Der IS beginnt seine Militärshow wie man sieht zunächst mit der Präsentation eines umgebauten Nurflüglers mit Heckrotorantrieb; vermutlich handelt es sich um eine hochgetunte Variante der Skywalker X-8, die in Hongkong aus dem Ultraleichtkunststoff EPO gefertigt wird und derzeit für schlappe 5.000 US-Dollar erhältlich ist. Vom handelsüblichen Modell unterscheidet sich die ISIS-Drohne allerdings nicht nur durch die an der Oberseite eingebauten Solarpanels, sondern vor allem durch zwei fernauslösbare Aufhängungen für freifallende Bomben, jeweils an den Tragflächen montiert. Deren genaue Funktionsweise bleibt allerdings für den Betrachter ein Geheimnis. Der Bombenabwurf wird im Clip ab Minute 00:22 gezeigt. Laut Herstellerangaben bzw. Fachpresse kann der Skywalker mit einem Extragewicht von 1.000 bis 2.000 Gramm beladen werden – nicht viel, aber mehr als ausreichend für punktuelle Bombardierungen von „weichen“ oder ungepanzerten Zielen, die zwar vergleichsweise wenig Sachschaden anrichten, dafür aber umso mehr psychologischen Schrecken im feindlichen Hinterland verbreiten sollen. Doch die taktischen Einsatzmöglichkeiten sind nicht nur aufgrund der möglichen externen Nutzlast, sondern vor allem auch wegen der extremen Reichweite sehr vielfältig, denn dieses als Long Range Surveillance Drone beworbene Fluggerät mit HD-Kamera kann bis zu 3 Stunden in der Luft bleiben – und mit den für den Wüstenkrieg natürlich perfekt geeigneten Solarzellen vermutlich sogar noch deutlich länger. Das wären bis zu 50 Kilometer in Richtung Zielgebiet – und wieder zurück. Und mit frisch geladenen Batterien beginnt der nächste Angriff. So wird aus der Spielzeugdrohne aus China ein potentes Mordinstrument mit vielen Raffinessen – was kaum mehr als ein wenig bastlerisches Geschick (und die entsprechenden militärischen bzw. chemikalischen Rohstoffe für die Bewaffung) voraussetzt. Kein Wunder, dass in Syrien und dem Irak immer mehr Drohnenwerkstätten des Islamischen Staats durch Regierungstruppen oder alliierte Spezialkräfte ausgehoben werden, worüber ja unter anderem auch der britische Independent bereits im Oktober 2016 berichtet hatte.

Echte Szenen aus Einsätzen der Nurflügler-Drohne liefert das IS-Video allerdings keine, auch wenn die Macher ihr Filmchen wohl gezielt als technische Leistungsschau mit „Wow-Effekt“ konzipiert haben – denn die Bombardierungen, die im Anschluss an die Skywalker-Präsentation gezeigt werden, stammen mit höchster Wahrscheinlichkeit von gewöhnlichen Helikopterdrohnen. Warum? Ganz einfach: Erstens fallen die Bomben bereits unmittelbar nach dem Aktivieren des Auslösemechanismus praktisch senkrecht ins Zielgebiet und nicht entlang eines Bogens, wie es bei einer Flugdrohne zu erwarten wäre; zweitens sehen wir während des Abwurfs und auch unmittelbar danach keinerlei horizontale Bewegung der Kameraperspektive. Die zunächst präsentierte, umgebaute Flugdrohne ist daher möglicherweise vor allem eines: ein Showeffekt, der die Sympathisanten in aller Welt beeindrucken soll – während der IS für die realen Lufteinsätze meist ganz konventionelle Quadrokopter und vergleichbare Konstruktionen einsetzt. Diesen Schluss legen auch Fotos mehrerer, fast baugleicher abgeschossener Drohnen nahe, die bellingcat.com vor einigen Monaten veröffentlicht hatte. Es könnte sich um Modelle aus der populären Serie DJI Phantom – ebenfalls aus China – handeln, das wäre aber erst noch gründlich zu prüfen. Jedenfalls nur Standard, aber kein Ultra-Hightech in Sachen Drohnentechnologie.

Kein Zweifel besteht allerdings an der Präzision der Bombeneinsätze. Dadurch, dass die Drohnen direkt über dem Ziel schweben und somit insbesondere bei statischen Zielobjekten sehr präzise gezielt werden kann, gelingt es teilweise sogar, Bomben in offene Panzer- oder Fahrzeugluken abzuwerfen. Da nützt dann eben auch die Panzerung der Fahrzeuge nicht mehr viel, wie die Szenen ab 02:40 verdeutlichen. Wie allerdings der Zielmechanismus genau funktioniert, wäre interessant zu wissen – das Video liefert leider keine Einblicke. Erforderlich wäre die Möglichkeit, die Luft-Boden-Kamera im entscheidenden Moment exakt vertikal, also entlang der Schwerkraft ausrichten zu können, unabhängig von Wind, thermischen Strömungen oder minimalen Abweichungen im Auftrieb, den die einzelnen Rotoren generieren und die die Ausrichtung der Kamera minimal beeinflussen.

Kaum überraschend dürfte die Erkenntnis sein, dass der IS sich beim Bau der Bomben größtenteils aus im Irak zurückgelassenen und dann von der Miliz eroberten Munitionsbeständen der USA zu bedienen scheint. Die typische, mehrfach im Video sichtbare Waffenkonstruktion scheint laut mehrerer Quellen auf 40-Millimeter-Granaten vom Typ M430A1 HEDP zu basieren, die zur Stabilisierung mit angeklebten (oder per Tape fixierten) Kunststoffflossen am Heck bestückt sind. Die Abkürzung HEDP steht übrigens für High Explosive Dual Purpose – es handelt sich hier um ein seit dem Vietnamkrieg millionenfach produziertes, militärisches Mehrzweckprodukt.

Hier der Fotovergleich:

M430A1 - Vergleich mit Drohnenbombe des IS

 

Laut Anti-Terrorismusportal iBRABO soll ISIS die Verwendung der US-Granaten auch offiziell gemeldet haben (wer die Originalquelle findet, gerne Info per Mail):

Noch etwas rätselhaft ist allerdings, mit welcher Methode der IS den recht komplizierten Entsicherungsmechanismus des in der M430A1 verbauten Aufschlagzünders M549 so modifiziert, dass die Granaten bereits beim Einsetzen in der Drohne zuverlässig scharfgeschaltet sind. Denn normalerweise schraubt sich der Zünder erst während des Flugs aufgrund der Zentrifugalkräfte in der sich drehenden Granate in die „scharfe“ Position (Quelle hier), um dann nach dem Aufschlag die Detonation auslösen zu können:

M549

 

Wie das Factsheet des Herstellers AMTEC Corporation zur M430A1 dokumentiert, ist die 40-Millimeter-Granate der US-Armee zwar recht klein und mit 0,23 Kilogramm leicht, aber doch mehr als überzeugend in ihrer Wirkung auf verschiedene Ziele. Und das gilt eben auch für „harte Ziele“, denn das Geschoss ist als Hohlladung konzipiert, wie der Querschnitt zeigt (Sprengladung aus Composition A5 rot eingefärbt):

Hohlladung M430A1

Deswegen auch die Bezeichnung HEDP/Dual Purpose: Wirkung gegen Personen im Radius bis 15 Meter, und gegen ggf. gepanzerte Fahrzeuge, sofern ein direkter Treffer erzielt wird. Wie man sieht, ist der Sprengsatz nach vorne hin konkav geformt; bei der Detonation wird der vorgelagerte Kupfertrichter zum hoch beschleunigten, panzerbrechenden Projektil, das angeblich bis zu 76 Millimeter Stahl durchschlagen kann, so die AMTEC Corporation. Gleichzeitig tritt ein seitlich wirkender Splittereffekt ein.

Klar ist jedenfalls, dass ab diesem Jahr auch in Europa mit hochpräzisen Terroranschlägen aus im wahrsten Sinne des Wortes heiterem Himmel gerechnet werden muss. Wie sich Politiker und staatliche Sicherheitskräfte auf die neue Bedrohung einstellen, gegen die selbst gepanzerte Limousinen keinen effektiven Schutz mehr garantieren, bleibt abzuwarten.

-MR

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