

Der aus Nürnberg stammende Künstler Gustav Metzger (geb. 1926) ist der Schöpfer der auto-destructive art (ADA) und bis heute ihr wichtigster Vertreter.

"Autodestruktive Kunst ist Kunst, die ein Element in sich trägt, das innerhalb eines Zeitraums von nicht mehr als zwanzig Jahren automatisch zu ihrer Zerstörung führt." (GM 1960)
"Die autodestruktive Kunst ist sehr widersprüchlich. Sie ist der Lobgesang auf die Zerstörung." (GM 1962)
Vier Motive liegen Metzgers Konzepten für eine autodestruktive Kunst zugrunde.
Erstes Motiv: Der verzweifelte Protest eines Künstlers gegen das Wettrüsten der Supermächte, gegen den nuklearen Overkill.
"Autodestruktive Kunst entsteht aus einer chaotischen, obszönen Gegenwart. (...) Autodestruktive Kunst ist als die letzte verzweifelte subversive und politische Waffe in der Hand von Künstlern gedacht. Sie ist ein Angriff auf das kapitalistische System und die Waffenproduktion. Sie ist der nuklearen Abrüstung und dem Kampf der Menschen gegen den Krieg verpflichtet." (GM 1962)
Zweites Motiv: Die konkrete politische Absicht Metzgers, Widerstand zu organisieren und auf den herrschenden Geist einzuwirken. Autodestruktive Kunst als Kriegs-Ersatz: Absichtsvolle Verschwendung von Ressourcen ohne antisoziale Auswirkungen.
"Technisch ausgefeilte und teure Werke der autodestruktiven Kunst im öffentlichen Raum können eine sehr hinterlistige, sich allmählich steigernde Wirkung auf viele Menschen haben, Empfindungen freisetzen, Spannungen aufbauen, Ideen entfesseln, Widerstand wachrufen. (...) Indem sie ein gesellschaftlich sanktioniertes Ventil für zerstörerische Ideen und Impulse schafft, kann autodestruktive Kunst zu einem wertvollen Instrument für eine Psychotherapie der Massen in Gesellschaften werden, in denen die Unterdrückung aggressiver Triebe ein wesentlicher Faktor für den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Gleichgewichts ist." (GM 1962)
Drittes Motiv: Die Kritik am kommerzialisierten Kunstgewerbe, am Kunst-Markt.
Autodestruktive Kunst ist nicht handelbar, ist sie doch die physische Umwandlung eines Körpers oder einer Maschine, irreversibel und unwiederholbar. Handelbar wären die Trümmer, die Reste, die Schlacke eines autodestruktiven Kunstwerks.
Viertes Motiv: Metzgers Biographie. Zerstörung bildet die wichtigste lebensgeschichtliche Erfahrung Metzgers. Nahezu seine gesamte Familie wurde deportiert und in deutschen Konzentrationslagern ermordet. Die Frage, warum die Zerstörung im kreativen Schaffen Metzgers überhaupt thematisch werden musste, ist also auch aus der Biographie des Künstlers heraus zu beantworten.

In den Jahren 1959 bis 1961 entwickelte Gustav Metzger sein Konzept der autodestruktiven Kunst in drei verschiedenen Manifesten. Das erste Manifest vom 4. November 1959 stellt autodestruktive Kunst zunächst noch unkonkret als "eine Form öffentlicher Kunst für Industriegesellschaften" vor, lässt also deren eigentliche politische Motive noch im Dunklen. Gleichzeitig wird das technische Konzept der ADA umrissen und als "totale Einheit von Idee, Ort, Form, Farbe, Methode und zeitlicher Planung des Zerfallsprozesses" bestimmt.
Das zweite Manifest, verfasst am 10. März 1960, definiert ADA als "Verwandlung von Technologie in öffentliche Kunst". Mit autodestruktiver Kunst soll das Potential des Menschen, Zerfallsprozesse in der Natur zu beschleunigen und zu steuern, thematisiert werden. Erstmals wird autodestruktive Kunst auch ganz konkret als Reaktion auf bestimmte politische Entwicklungen verstanden; Metzger nennt an dieser Stelle "...das Chaos des Kapitalismus und des Sowjetkommunismus, das gleichzeige Bestehen von Überproduktion und Armut, die zunehmende nukleare Aufrüstung (...), die zersetzenden Auswirkungen der Maschinerie und des Lebens in total verbauten Gegenden auf das Individuum..."
Im dritten Manifest vom 23. Juni 1961 erklärt Metzger es zum ausdrücklichen Ziel von ADA, die Kunst in den Fortschritt von Wissenschaft und Technologie zu integrieren. Der Zweck autodestruktiver Kunst sei es, mit Hilfe von Computern Apparate zu erschaffen und zu programmieren, die mit einer den Zerfallsprozess lenkenden Selbstregulierung ausgestattet sind. Die Verwendung moderner Technologien soll es den Betrachtern zudem ermöglichen, die Zerstörung des Kunstwerks unmittelbar mitverfolgen zu können.

Die heute als "South Bank Demonstration" bezeichnete Aktion vom 3. Juli 1961 war Metzgers erste und einzige Verwirklichung autodestruktiver Kunst. Die Eröffnung des Kongresses der International Union Of Architects (IUA) zum Anlass nehmend, bespannte man ein etwa zwei Meter hohes Metallgerüst mit verschiedenfarbigen Nylonplanen, die dann - vor den zahlreichen Zuschauern - von Gustav Metzger mit Säure besprüht wurden und sich daraufhin nach wenigen Sekunden zersetzten.
"Acid action painting. Height 7 ft. Length 12 1/2 ft. Depth 6 ft. Materials: nylon, hydrochloric acid, metal. Technique. 3 nylon canvases coloured white black red are arranged behind each other, in this order. Acid is painted, flung and sprayed on to the nylon which corrodes at point of contact within 15 seconds." (GM 1961)
Obwohl es mit der Aktion erfolgreich gelungen war, den traditionellen Werkbegriff in Frage zu stellen und dem Publikum einen ersten Eindruck vom Konzept der autodestruktiven Kunst - relativ spektakulär - zu vermittlen, bewertet Metzger die South Bank Demonstration rückblickend als unzureichend, hat seiner Meinung nach damals doch ein sehr zentrales Element der ADA gefehlt: der vollständig automatische Ablauf des Zerstörungsprozesses.
"...the essence of auto-destructive art is that the hand doesn't have a part in it, except in the construction of the original sculpture." (GM 1997)

Das "Destruction in Art Symposium", abgekürzt DIAS, fand im September 1966 im Londoner Africa Center unter Beteiligung von Künstlern wie Yoko Ono, Wolf Vostell, Otto Muehl, Ralph Ortiz und anderen statt. Als Veranstalter des DIAS, dessen Gegenstand die institutionelle Gewalt in den westlichen Gesellschaften und deren Erscheinungsformen war, fungierten der Dichter John Sharkey und Gustav Metzger. Obwohl im Mittelpunkt der einen ganzen Monat andauernden Veranstaltung eigentlich das dreitägige Symposium (9.-11.) stehen sollte, waren es vor allem die Darbietungen einiger der teilnehmenden Künstler, die öffentliches Aufsehen erregten. Einen echten Skandal löste der Wiener Aktionist Hermann Nitsch mit seinem so genannten "5th Abreaktionsspiel of OM Theatre" aus, das zur Verurteilung Metzgers und Sharkeys wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses führte. In der Retrospektive gilt DIAS als eine bedeutende Veranstaltung der europäischen Avantgarde, wenngleich sie Metzger nur vorübergehend öffentliche Aufmerksamkeit bescherte und für die Frage der Realisierung der autodestruktiven Konzepte Metzgers keinen wesentlichen Fortschritt bedeutete.

Im Jahre 1965 stellte Gustav Metzger Angehörigen der britischen Architectural Association drei Entwürfe für autodestruktive Bauwerke vor, die weitaus ambitionierter konzipiert waren als die South Bank Demonstration von 1961 und die zu ihrer Verwirklichung massiver Finanzierung bedurft hätten. Die verschiedenen Pläne beweisen die konzeptuelle Flexibilität der autodestruktiven Kunst Metzgers. Der Zerfallsprozess kann beispielsweise durch die langsame Korrosion des Materials - ausgelöst durch die in der Atmosphäre enthaltenen Giftstoffe - bewirkt werden. Ebenso kann sich das autodestruktive Bauwerk selber zerstören, wobei ein Computer den Zerfallsprozess steuert; hierbei kann der Zerfall kontinuierlich oder abrupt und überraschend erfolgen. Die zeitliche Planung des Zerfalls kann entweder präzise vorausbestimmt (Programmierung) oder aber der natürlichen Entwicklung - im Falle der Zerstörung durch Korrosion - überlassen werden. Gemeinsam ist allen Konzepten autodestruktiver Kunst in jedem Falle ihre Errichtung im öffentlichen Raum, niemals aber in Museen oder Ausstellungen. Autodestruktive Kunst ist immer öffentliche Kunst.

|